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Geistlicher Impuls

Wer ist mein Nächster? Oder: Die Sprache ist die Grenze meiner Welt


Liebe Leserinnen und Leser

In diesen bewegten Tagen und Wochen politischer Auseinandersetzung und Krisen kam mir immer wieder die bekannte Geschichte vom barmherzigen Samariter (LK 10, 25 – 37) in den Sinn. Das geschah wohl auch deshalb, weil ich den Weg, von dem in dem Text die Rede ist, im April diesen Jahres selbst gegangen bin – allerdings umgekehrt - von Jericho nach Jerusalem: „Ein Mann ging von Jerusalem von nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen“, so schreibt Lukas in dieser Beispielerzählung. Der damalige Handelsweg führt beschwerlich durch die bergige Wüste Juda. Durch eine enge unwegsame Schlucht, manchmal im Tal, manchmal im steilen Berghang, überwindet dieser Weg noch heute 1200 Höhenmeter. Er war ein ideales Versteck für Räuber und Wegelagerer.

Jesus erzählt diese Geschichte auf die Frage eines Schriftgelehrten: „Wer ist mein Nächster?“ Sie kennen den Ausgang dieser Beispielerzählung: Weder Priester noch Levit, die ihre kultische Reinheit über die Barmherzigkeit stellen, helfen dem unter die Räuber Geratenen. Wer hilft, ist der aus dem ehemaligen Nordreich stammende Samaritaner, der als Abtrünniger, den wahren Jahweglauben angeblich verloren hat. Der religiös Abgefallene, angeblich Ungläubige erkennt, wer der Nächste ist. Die, die scheinbar recht handeln, weil sie die religiösen Gesetze und Regeln befolgen, dringen nicht zum Kern des wirklichen Glaubens vor. Sie schaffen es nicht, sich von der Not betreffen zu lassen. Ihr Glaube scheint nur äußerlich zu sein. Aber Gottesliebe und Nächstenliebe bilden eine Einheit. Gerade in dem Nächsten, der am Wegrand liegt, begegnet Gott.

Jesus hat es nach biblischer Überlieferung geschafft diese Einheit von Gottesliebe und Nächstenliebe in seinem Leben zu verwirklichen. Wir wissen, wie er damit bei denen, die in Staat und Religion die Mächtigen waren, aneckte – so sehr, dass es ihm den Tod am Kreuz „einbrachte“. So macht sich die Botschaft vom Kreuz nicht darin fest, wer am meisten Kreuze – wo auch immer –aufhängt, sondern wer sich in seinem Handeln an dieser Botschaft vom Kreuz ausrichtet. Das gilt auch für die Sprache, die jemand spricht – sie wissen um die Worte, mit denen in diesen Tagen Menschen, die in Not sind, bezeichnet werden: „Asyltouristen“, „Menschenfleisch“ oder es wird in diesem Zusammenhang von einer „Antiabschiebeindustrie“ gesprochen, um nur einige Beispiele in Erinnerung zu rufen. In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 26.7.18 sagt der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes recht unaufgeregt dazu: „Wer rechtsstaatliche Garantien in Anspruch nimmt, muss sich dafür nicht beschimpfen lassen.“

Die „Sprache ist die Grenze meiner Welt: Bereits im 1. Semester meines Philosophiestudiums bin ich diesem Satz des großen Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein (26.4.1889 – 29.4.1051) begegnet. Sprache kann mein Denken weiten oder engführen. Sie kann dazu dienen zu manipulieren oder auch zu differenzieren. Sie kann Härte oder Mitmenschlichkeit ausdrücken. Sie kann mein Denken anregen oder mich stumpf machen. Was heute in einer im komplexer werden Welt nötig ist, leben viele Menschen in ihrer Zuwendung denen gegenüber, die Not leiden, vor. Um Probleme und Schwierigkeiten zu meistern, bedarf es oft der Anstrengung und der Geduld, das ist meist nicht gerade bequem. Gelebter Glaube führt zu Barmherzigkeit und Weitsicht. Der Samaritaner hat seinen Blick geweitet, hat sich betreffen lassen und sich des unter die Räuber Gefallenen erbarmt. Viele Menschen, oft auch Christen, handeln heute ebenso. Sie durchschauen Engstirnigkeit und Populismus. Mir gibt das gibt Mut und Zuversicht für die Zukunft unseres Landes, unserer Welt und nicht zuletzt der Kirche auch bei uns.

Ihr Thomas Klix, Pastoralreferent