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Geistlicher Impuls

Hat die Kirche ihren Kredit verspielt?

Wie wird die Kirche zu einer Kirche der Suchenden?

Liebe Leserinnen und Leser!

Das Wort Kredit leitet sich ab von dem lateinischen Wort credere – glauben. Der Kirche zu glauben, ist für viele Menschen, so haben wir nicht erst den letzten Wochen und Monaten erfahren, zu einem Problem geworden. Manche von uns erfahren das in ihrem Alltag. Wenn man etwa zu hören bekommt: Was Du bist auch dabei? Du bist doch sonst ganz vernünftig? Menschen haben unter anderem durch die jahrzehntelange Vertuschung und Leugnung des Missbrauchs das Vertrauen zur Kirche verloren. Sie sind entsetzt, enttäuscht, tief verletzt und aufgebracht über das, was sie entweder am eigenen Leib erfahren haben oder was inzwischen alles ans Licht gekommen ist. Wie kann es unter diesen Bedingungen weiter gehen?

Wie kann Kirche wieder Kredit gewinnen? Wie kann sie wieder zu einem Ort des Glaubens und Vertrauens werden? Das wird nicht vom Himmel fallen, sondern ein mühsamer langer Prozess sein, Kredit ist leicht verspielt und dann nur mühsam wieder zu gewinnen.

In den letzten Monaten und Jahren ist in unseren Gemeinden ein Prozess des Suchens und Mühens in Gang gekommen. Menschen haben sich auf den Weg gemacht. Sie waren und sind offen für Neues und bisher Unbekanntes. Sie haben einen Prozess begonnen Kirche anders zu denken und zu leben. Sie verstehen Kirche mehr und mehr als ein Ort von Suchenden für Suchende und ein Ort von Fragenden für Fragende zu verstehen und zu erleben.

Das bedeutet sich nicht abzusondern von dem, was in der heutigen Welt geschieht. Was heute in der Welt an Erkenntnissen Einichten herrscht, was in ihr gedacht und gelebt wird, darf uns Christen nicht fremd sein. Christen sind kein „Heiliger Rest“ in einer oft fragenden und suchenden Welt. „Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens, so drückte es einstmals der Philosoph Martin Heidegger aus. Christen haben die Wahrheit nicht gepachtet, sondern sie müssen das, was sie als „Wahrheit“ erkannt haben, einbringen in eine komplexe Welt.

Das Leben von uns Menschen kennt kein Schwarz und Weiß, sondern viele verschiedene Graustaufen. Es gilt sich auf die Geheimnisse und Widersprüche des Lebens einzulassen. Ein tschechischer Dichter sagt: „Was ohne Beben ist, hat keine Festigkeit.

Und dennoch, viele Menschen sehnen sich in einer Zeit, wo alles beliebig, in einer Zeit des Postfaktischen, in einer Zeit der Fake News nach Geborgenheit und Sicherheit. Schauen wir dazu einmal in das Evangelium. Schauen wir einmal darauf, was wir dort über Jesus, sein Leben und Wirken erfahren: Im Johannesevangelium stellt Pilatus Jesus die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Und die Reaktion Jesu? Er schweigt dazu!

Die Antwort gibt Jesus aber mit seiner Lebensgeschichte. Es ist eine Lebensgeschichte, die manche damals wie heute befremdlich fanden und finden, andere waren schockiert von ihm und seinen Geschichten. Andere aber schlossen sich ihm an und bauten ihr Leben auf seine Worte und Taten. „Es ist notwendig, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen - eine wirkliche, lebendige Wahrheit ist immer gleichzeitig ein Weg und das Leben.“ So drückt es der tschechische Theologe Tomá`s´ Halík aus.

Das was „wahr ist“, lässt sich nicht von dem Leben von uns Menschen isolieren. Die Wahrheit unseres Glaubens ereignet sich im Leben, sie zeigt sich in unserem Lebensweg. Dort muss sich die „Wahrheit“ unseres Glaubens erweisen. Christlicher Glaube ist nicht das „für wahr halten von Sätzen“ sondern die Orientierung des eigenen Lebens am Evangelium.

Der frühe Kirchenlehrer Augustinus drückte es so aus: „Liebe und (dann) tue, was du willst.“Ist das nicht ein guter Orientierungsmaßstab für das Leben, für unser Leben?

Thomas Klix